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Kein Codein für Kinder

Codeinhaltige Arzneimittel dürfen nur noch sehr eingeschränkt zur Behandlung von Kindern verwendet werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat am 17.06.2015 entsprechende pharmazeutische Hersteller zu Änderungen der Packungsbeilage sowie der Fachinformation aufgefordert.

Unter anderem ist die Behandlung von Kindern unter 12 Jahren mit codeinhaltigen Arzneimitteln gegen Husten nicht mehr erlaubt. Außerdem müssen flüssige Arzneimittel, die Codein enthalten, künftig in einer kindersicheren Verpackung abgegeben werden, um Medikationsfehler und Fehlanwendungen (z.B. durch Überdosierungen) zu vermeiden.

Diese Maßnahmen sind das Ergebnis einer Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses codeinhaltiger Arzneimittel, die auf europäischer Ebene stattfand. Zuvor waren in Europa mehrere tödliche oder lebensbedrohliche Fälle einer Atemdepression (Abflachung bzw. Herabsetzung der Atmung) bei Kindern bekannt geworden. Daraufhin wurde bereits 2013 zunächst die Anwendung codeinhaltiger Arzneimittel zur Schmerztherapie bei Kindern deutlich begrenzt.

In Deutschland wurde dem BfArM in der Zeit von Januar 1978 bis August 2012 für Codein ein Todesfall im Kindesalter gemeldet. Das BfArM hatte daher 2014 ein weiteres Risikobewertungsverfahren auf europäischer Ebene angestoßen, um das Nutzen-Risiko-Verhältnis auch bei der Behandlung von Husten zu untersuchen. Ziel war es, auch für diesen Anwendungsbereich Maßnahmen zur Risikominimierung zu erreichen. Die jetzt veranlassten Einschränkungen sind das Ergebnis dieses Verfahrens.

Was ist Codein?

Codein ist ein seit Jahrzehnten bekannter Wirkstoff, der zur Schmerzbehandlung sowie zur Therapie des Reizhustens angewendet wird. Es wird im Körper zu Morphin verstoffwechselt, wodurch eine schmerzstillende Wirkung eintritt.

Codein unterdrückt den Hustenreflex, indem es direkt auf das Hustenzentrum wirkt. Es liegen jedoch in der medizinischen Literatur nur begrenzte klinische Daten vor, um die Wirksamkeit von Codein bei der symptomatischen Behandlung von Husten zu stützen. Es liegen aktuell keine Hinweise dafür vor, dass Codein bei akutem Husten bei Kindern wirksamer ist als Placebo (http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/Referrals_document/Codeine_cough_or_cold_in_children/Position_provided_by_CMDh/WC500186886.pdf).

Codein wird einzeln oder als Wirkstoffkombination, zum Beispiel zusammen mit Paracetamol, zur Behandlung von Reizhusten oder Schmerzen eingesetzt. Alle codeinhaltigen Mittel sind in Deutschland verschreibungspflichtig.

Welche Risiken sind mit der Einnahme von Codein verbunden?

Codein wirkt, indem es durch ein körpereigenes Enzym zu Morphin umgewandelt wird. Dieses Enzym ist bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Fünf bis zehn Prozent der europäischen Bevölkerung haben eine genetische Sonderform dieses Enzyms. Sie weisen entweder einen Mangel davon auf, so dass bei ihnen kein schmerzstillender Effekt durch Codein eintritt. Diese Personen werden in der Medizin als „Langsame Metabolisierer“ bezeichnet. Oder sie haben einen hohen Anteil des Enzyms im Körper und wandeln daher Codein schneller oder in größeren Mengen in Morphin um. Diese Personen werden in der Medizin als „ultraschnelle Metabolisierer“ bezeichnet.

Bei der Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses stellte sich heraus, dass die tödlichen oder lebensbedrohlichen Fälle im Zusammenhang mit Codein bei Kindern auftraten, die ultraschnelle Metabolisierer waren. In ihrem Körper wurde Codein sehr schnell in Morphin umgewandelt. Der hohe Morphingehalt im Körper wirkte betäubend und führte schließlich zu schwerwiegenden Nebenwirkungen wie der eingeschränkten Atmung.

Da keine Schnelltests zur Überprüfung auf das Vorliegen einer entsprechenden genetischen Veranlagung verfügbar sind, kann man nicht voraussehen, wie ein Patient Codein verstoffwechselt. Daher wurden nun Einschränkungen bei der Verwendung des Arzneimittels beschlossen.

Welche Einschränkungen wurden für die Einnahme von Codein festgelegt?

  • Codein zur Behandlung des Hustens darf bei Kindern unter 12 Jahren wegen des Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen (z.B. Atemprobleme) nicht mehr angewendet werden.
  • Stillende Mütter dürfen Codein wegen des Risikos für den Säugling nicht mehr anwenden.
  • Für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren mit Atemwegsbeeinträchtigungen wird Codein wegen der erhöhten Anfälligkeit für Atemstörungen nicht mehr empfohlen.
  • Patientinnen und Patienten jeglichen Alters, die Codein sehr schnell verstoffwechseln, dürfen Codein wegen des Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen (z.B. Atemprobleme) nicht mehr anwenden.
  • Eltern und Pflegepersonal, die eines der folgenden Symptome bei Patientinnen und Patienten beobachten, die Codein anwenden, sollten die Medizin absetzen und unverzüglich ärztlichen Rat einholen:
    Verlangsamte oder flache Atmung; Verwirrung, Müdigkeit, enge Pupillen, Übelkeit, Verstopfung oder Appetitverlust.

Ich nehme ein Arzneimittel ein, das Codein enthält. Was soll ich tun?

Codeinhaltige Arzneimittel werden künftig nur noch unter Beachtung der oben genannten Einschränkungen verschrieben. Wenn Sie noch in Besitz eines codeinhaltigen Hustensaftes für Kinder oder eines anderen codeinhaltigen Arzneimittels sind, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Apotheker.

Wie untersucht man, ob ein Patient/ eine Patientin Codein sehr schnell verstoffwechselt?

Es gibt angeborene Unterschiede in der Verstoffwechslung von Arzneimitteln. Genetisch bedingt sind etwa drei Prozent der Menschen unserer Bevölkerung Ultraschnell-Metabolisierer für eine Reihe von Arzneimitteln. In Südeuropa sind etwa 10% und in Äthiopien sowie einigen arabischen Ländern bis zu 30 % Ultraschnell-Metabolisierer.

Um zu untersuchen, ob ein Patient/ eine Patientin die genetisch bedingte Veranlagung hat, Codein sehr schnell zu Morphin zu verstoffwechseln, muss festgestellt werden, ob ein übermäßiges Vorkommen (Expression) des Enzyms CYP2D6 vorliegt. Hierfür kann ein pharmakogenetischer Test für das Enzym CYP2D6 durchgeführt werden. Für den Test ist meist eine Blutabnahme erforderlich.

Pharmakogenetische Testungen werden von für Patientendiagnostik zugelassenen Laboren, wie z.B. der klinischen Chemie oder der Humangenetik angeboten. Man kann diese Tests auch direkt über Apotheken beziehen und vom Arzt befunden lassen. Die Tests werden aber nicht standardmäßig von den Krankenkassen erstattet.
Patientinnen und Patienten jeglichen Alters, bei denen der Test eine übermäßige Aktivität des Enzyms CYP2D6 ergibt, verstoffwechseln Codein sehr schnell zu Morphin. Sie dürfen Codein wegen des Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen (z.B. Atemprobleme) nicht mehr anwenden.

Was forscht das BfArM zu Arzneistoff-metabolisierenden Enzymen?

Ein zentraler Forschungsschwerpunkt des BfArM ist das Gebiet der Pharmakogenomik und der Individualisierten Medizin. Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. J. Stingl beschäftigt sich im Rahmen mehrerer - auch drittmittelgeförderter - internationaler Projekte mit individuellen Unterschieden von Arzneimittelwirkungen, die durch angeborene genetische Unterschiede der Arzneistoff-metabolisierenden Enzyme (wie z.B. CYP2D6) bei Patientinnen und Patienten verursacht wird.
Ziel der Untersuchungen ist es, neues Wissen über individuelle Unterschiede im Ansprechen und in der Verträglichkeit verschiedener Arzneimittel von den molekularen Grundlagen bis hin zur klinischen Ebene zu erhalten. Damit soll es ermöglicht werden, Risiken besser zu erkennen und die Therapie individuell anpassen zu können. Eine auf die Besonderheiten der Patientinnen und Patienten verbessert abgestimmte Therapie ist damit ein Beitrag zur Personalisierten Medizin der Zukunft.

Weitere Informationen zu laufenden Forschungsprojekten finden Sie unter Pharmakogenomik.

Weitere Informationen

Risikoinformation vom 16.10.2015

Risikoinformation vom 19.06.2015

Risikoinformation vom 24.04.2015

Risikoinformation vom 11.04.2015

Risikoinformation vom 13.03.2015

Pressemitteilung vom 24.04.2015