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77. Sitzung (17. Januar 2017) – Ergebnisprotokoll

Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht nach § 53 Absatz 2 AMG

Ort:
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Bonn

Teilnehmende:
Der Vorsitzende
Sachverständige des Ausschusses für Verschreibungspflicht
Vertreterinnen/Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
Vertreterinnen/Vertreter des BfArM
Vertreterinnen/Vertreter des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
Vertreterinnen/Vertreter des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Hinweis:
Der Ausschuss unabhängiger Sachverständiger nach § 53 Absatz 2 des Arzneimittelgesetzes (AMG) berät das BMG und das BMEL im Hinblick auf Fragen zur Verschreibungspflicht von Arzneimitteln und gibt hierzu fachliche Empfehlungen ab. Mit diesen Ausschussempfehlungen wird der – in jedem Einzelfall erforderlichen – Entscheidung des jeweils zuständigen Bundesministeriums nicht vorgegriffen. Änderungen der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) erfolgen durch Rechtsverordnungen des BMG bzw. des BMEL; diese Verordnungen bedürfen der Zustimmung des Bundesrates.

Tagesordnung:

TOP 1 Eröffnung der Sitzung

Der Vorsitzende begrüßt die Anwesenden und stellt fest, dass bei keinem anwesenden Ausschussmitglied bezüglich eines zur Verhandlung anstehenden Antrages ein Interessenkonflikt besteht. Ferner wird die Beschlussfähigkeit des Gremiums festgestellt.

TOP 2 Annahme der Tagesordnung

Das BVL bittet um ein Vorziehen des Tagesordnungspunktes (TOP) 9, dem entsprochen wird. Das BfArM kündigt an, unter TOP 10 „Verschiedenes“ über Parenteralia zu berichten und hierbei auch auf 3-Brompyruvat einzugehen. Ein Ausschussmitglied möchte unter „Verschiedenes“ kurz eine kürzlich erschienene Publikation zur Verschreibungspflicht vorstellen.

TOP 3 Letzte Änderungen in der AMVV

Das BfArM stellt die letzten Änderungen in der AMVV vor.

TOP 4 Zubereitung aus Aciclovir und Hydrocortison

Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht und Änderung der Positionen zu Aciclovir sowie Hydrocortison in Anlage 1 der AMVV wie folgt:

„Aciclovir
- ausgenommen in Zubereitungen als Creme in der Kombination mit Hydrocortison in der Konzentration von 1 % Hydrocortison zur Behandlung von Herpes labialis zur Verringerung des Risikos von ulzerativen Läsionen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren, in Packungsgrößen bis zu 2 g und einem Wirkstoffgehalt bis zu 100 mg Aciclovir je abgeteilter Arzneiform -“

„Hydrocortison und seine Ester
- ausgenommen in der Kombination mit Aciclovir - siehe Position Aciclovir“

Das BfArM eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BfArM-Stellungnahme.

Ein Ausschussmitglied merkt an, dass der Antrag keine Angaben zur Rezidivhäufigkeit enthalte. Ein anderes Ausschussmitglied erkundigt sich nach dem Grund für die niedrigen Verordnungszahlen des Kombinationsarzneimittels und möchte zudem wissen, ob Hydrocortison 1 % generell aus der Verschreibungspflicht entlassen werden solle; weiterhin stelle sich die Frage, ob bei einer maximalen Anwendungsdauer von fünf Tagen eine ausreichende Wirksamkeit bestehe. Das BfArM führt aus, dass es hinsichtlich der Verordnungs- bzw. Verkaufszahlen Unterschiede zwischen den europäischen Ländern gäbe, sich hier aber die Frage stelle, ob Verordnungszahlen relevant für die Änderung der Verkaufsabgrenzung seien. Es wird darauf hingewiesen, dass lediglich eine Entlassung der Kombination aus Aciclovir und Hydrocortison 1 % beantragt sei. Bezüglich der Wirksamkeit weist das BfArM darauf hin, dass es sich bei dem Kombinationspräparat um ein zugelassenes Arzneimittel handele, sodass der Fokus der Diskussion auf den für die Festlegung der Verkaufsabgrenzung relevanten Sicherheitsaspekten liegen solle.

Ein weiteres Ausschussmitglied gibt zu bedenken, dass die niedrigen Verordnungszahlen auch darauf zurückgeführt werden können, dass die Erkrankung keinen Anlass für einen Arztbesuch geben würde. Ein Ausschussmitglied unterstützt die bisher gemachten Aussagen und führt aus, dass Herpes labialis nicht zu einem Arztbesuch führe und daher ein zeitnaher Besuch in der Apotheke ratsam sei; dann sei auch ein Abklingen der Erkrankung binnen fünf Tagen möglich. Ein weiteres Ausschussmitglied merkt an, dass inzwischen Penciclovir und nicht Aciclovir Therapiestandard sei.

Da kein weiterer Diskussionsbedarf besteht, bittet der Vorsitzende um Abstimmung über den Antrag basierend auf dem vom BfArM vorgeschlagenen Wortlaut für die Ergänzung der AMVV.

Abstimmung:

Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt einstimmig, den Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht nach § 48 AMG anzunehmen und die bestehenden Positionen in Anlage 1 der AMVV wie folgt zu ergänzen:

„Aciclovir
[…]
- ausgenommen in Zubereitungen als Creme in Kombination mit Hydrocortison in einer Konzentration von 1 % Hydrocortison zur Behandlung von Herpes labialis zur Verringerung des Risikos von ulzerativen Läsionen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren, in Packungsgrößen bis zu 2 g und mit einem Wirkstoffgehalt bis zu 100 mg Aciclovir je abgeteilter Arzneiform -“

„Hydrocortison und seine Ester
[…]
- ausgenommen in Zubereitungen als Creme in Kombination mit Aciclovir in einer Konzentration von 1 % Hydrocortison zur Behandlung von Herpes labialis zur Verringerung des Risikos von ulzerativen Läsionen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren, in Packungsgrößen bis zu 2 g und mit einem Wirkstoffgehalt bis zu 100 mg Aciclovir je abgeteilter Arzneiform -“

TOP 9 Zubereitung aus Methopren und Fipronil - zur Anwendung bei Hunden und Katzen -

Anträge auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht

Das BVL eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BVL-Stellungnahme.

Ein Ausschussmitglied schlägt vor, die Kombination lediglich für Hunde und Katzen zu entlassen, für Tiere allgemein aber der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Bei Frettchen solle gemäß Fachinformation eine Anwendung nur nach tierärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen; Frettchen sollten daher nicht ausgenommen werden. Das BVL führt aus, dass für das Kaninchen Erfahrungen vorlägen, dass im Rahmen der Selbstmedikation kein häufigerer Fehlgebrauch zu beobachten sei im Vergleich zur Anwendung unter der Rezeptpflicht. Im Hinblick auf den Verweis auf den Tierarzt bei den Frettchen merkt ein weiteres Ausschussmitglied an, dass dieser standardmäßig vorhanden sei bei fehlenden Daten. Das BVL bestätigt, dass auch aus den Periodischen Sicherheitsberichten keine Risikohinweise vorlägen.

Ein Ausschussmitglied weist darauf hin, dass die Erweiterung der Zulassung um die Tierart Frettchen im Jahr 2012 erfolgt sei; bei Entlassung der Kombination aus Methopren und Fipronil aus der Verschreibungspflicht würde für diese Tierart unmittelbar die Freiverkäuflichkeit resultieren. Das BVL erwidert, dass die Anwendung bei Frettchen formal bereits jetzt von der Verschreibungspflicht ausgenommen sei. Weiterhin wird diskutiert, inwiefern die laut Fachinformation vorgesehene Nutzen-Risiko-Abwägung in der Apotheke erfolgen und hierbei ein Arzt einbezogen werden könne, und ob Parallelen bzw. Unterschiede zum Humanbereich vorlägen.

Ein Ausschussmitglied regt an, den Antrag auf Entlassung für Hunde und Katzen anzunehmen, die Frettchen jedoch separat zu adressieren. Im Rahmen der weiteren Diskussion wird angemerkt, dass derzeit kein Arzneimittel ausschließlich für Frettchen existiere. Ein anderes Ausschussmitglied schlägt vor, über die vorliegenden Anträge zu entscheiden und die Frage der Freiverkäuflichkeit von Arzneimitteln für Heimtiere gesondert zu diskutieren. Daraufhin bittet der Vorsitzende um Abstimmung über die Anträge.

Abstimmung:

Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt mehrheitlich, Zubereitungen aus Methopren und Fipronil - zur Anwendung bei Hunden und Katzen - aus der Verschreibungspflicht nach § 48 AMG zu entlassen.

TOP 5 Zubereitung aus Ibuprofen und Coffein

Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht und Änderung der Position zu Ibuprofen in Anlage 1 der AMVV wie folgt:

„Ibuprofen
- ausgenommen zur oralen Anwendung (in maximaler Einzeldosis von 400 mg und in einer maximalen Tagesdosis von 1.200 mg) in Zubereitungen, denen als wirksamer Bestandteil dieser Stoff zusammen mit Coffein (in maximaler Einzeldosis von 100 mg und einer maximalen Tagesdosis von 300 mg) zugesetzt ist, zur Behandlung von akuten mäßig starken Schmerzen bei Erwachsenen - "

Das BfArM eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BfArM-Stellungnahme.

Ein Ausschussmitglied merkt an, dass Coffein selbst eine schmerzlindernde Wirkung habe – der Mechanismus sei abweichend vom stimulierenden Effekt – und sich hieraus ein synergistischer Effekt bei der Kombination mit Analgetika ergäbe. Die Kombination sei in einer klinischen Studie zur Schmerzbehandlung nach Zahnextraktion untersucht worden und besser wirksam als die Einzelkomponenten, dies sei auch die Grundlage der Zulassung des Kombinationsarzneimittels gewesen. Weiterhin habe die European Food Safety Authority (EFSA) im Jahr 2015 in einer Stellungnahme zu Coffein die Einnahme von 400 mg pro Tag als unschädlich für den Menschen angesehen. Gemäß aktueller Datenlage habe Coffein zudem kein Abhängigkeitspotential und führe zu keinem Mehrgebrauch von Schmerzmitteln. Ein anderes Ausschussmitglied gibt zu bedenken, dass die Abhängigkeit von Schmerzmitteln weiterhin problematisch und zudem nicht gut erforscht sei. Die neue Kombination sei nicht gefährlicher als die bisher verfügbaren; allerdings seien Kombinationen aufgrund der Wirkungsverstärkung insgesamt als kritisch anzusehen.

Ein Ausschussmitglied weist darauf hin, dass die Zulassungsstudie nicht publiziert sei. Auf den Einwand, dass ein Abstract der Studie veröffentlicht worden sei, wird entgegnet, dass eine Studie nicht auf der Basis eines Abstracts bewertet werden könne. Weiterhin bemängelt das Ausschussmitglied ein zusammen mit dem Antrag vorgelegtes Gutachten. Ein weiteres Ausschussmitglied führt an, dass eine Zulassungsstudie vorläge und das Kombinationsarzneimittel zugelassen worden sei. Es stelle sich allerdings die Frage, ob genug Erfahrung aus der Verordnungspraxis für eine Freistellung von der Verschreibungspflicht vorhanden sei. Der Vorsitzende weist darauf hin, dass in diesem Zusammenhang auch die Erfahrungen mit den bereits freigestellten Einzelsubstanzen wichtig seien.

Ein Ausschussmitglied merkt an, dass die Zulassung auf Basis klinischer Studiendaten erteilt worden sei. Darauf entgegnet ein anderes Ausschussmitglied, dass es sich hierbei um unterschiedliche Aspekte handele und eine Zulassungsentscheidung nicht zwingend bedeute, dass eine Ausnahme von der Verschreibungspflicht gegeben sei. Ein weiteres Ausschussmitglied betont, dass andere Kombinationen mit Coffein bereits freigestellt seien und sich damit die Frage stelle, wo Unterschiede zum aktuellen Antrag gegeben seien.

Auf Nachfrage erläutert das BfArM Details zur Zulassung sowie zur zugrundeliegenden Studienlage und führt aus, dass im Rahmen der Zulassung eine Studie bewertet worden sei, die das Schmerzgeschehen nach Zahnextraktion untersucht habe. Ein Ausschussmitglied fragt nach, ob genügend Daten zur Anwendung vorhanden seien und ob Zahnärzte das Präparat verordnen würden und somit Anwendungserfahrungen absehbar erhoben werden könnten. Das BfArM weist darauf hin, dass das Kombinationsarzneimittel nicht explizit für die Behandlung von Zahnschmerzen zugelassen worden sei, worauf ein anderes Ausschussmitglied entgegnet, dass Ibuprofen von Zahnärzten erst ab einer Stärke von 600 mg verordnet würde. Ein weiteres Ausschussmitglied erachtet die Langzeitsicherheit als nicht belegt; zudem bestehe weiterhin der Verdacht des Abhängigkeitsrisikos. Auf Nachfrage erläutert das BfArM die rechtlichen Bestimmungen im Hinblick auf die Verschreibungspflicht von Zubereitungen bzw. Kombinationsarzneimitteln.

Ein Ausschussmitglied regt an, die AMVV-Position zu Coffein um Ibuprofen zu ergänzen und in diesem Zusammenhang eine Packungsgrößenbegrenzung zu erwägen. Das BfArM gibt zu bedenken, dass für Ibuprofen als Monoarzneimittel keine Packungsgrößenbeschränkung bestehe. Das Ausschussmitglied fragt nach Erfahrungen für die fixe Kombination, die aus seiner Sicht nicht vorhanden seien. Die Forderung nach einer Packungsgrößenbegrenzung – in Analogie zur Kombination mit Pseudoephedrin – wird nochmals bekräftigt. Ein anderes Ausschussmitglied weist darauf hin, dass die Kombination aus Ibuprofen und Coffein in Japan bereits seit mehreren Jahren zugelassen sei. Eine Packung könne zudem für mehrere Episoden verwendet werden, sodass die verfügbaren Packungsgrößen angemessen seien. Das BfArM informiert, dass das Kombinationsarzneimittel maximal 24 Tabletten pro Packung enthalte und die Anwendungsdauer außerdem laut Fachinformation begrenzt sei.

Aus Sicht eines Ausschussmitgliedes könnten zwar Analogieschlüsse zu bestehenden Zulassungen gemacht werden. Allerdings lägen keine umfangreichen Erfahrungen vor, sodass eine Verschiebung der Beratung auf die nächste Ausschusssitzung sinnvoll sei. Es sollten dann die Daten aus der Zulassung und aus anderen Ländern umfassender einbezogen werden. Das BfArM weist darauf hin, dass es sich um ein zugelassenes Arzneimittel handele und damit die Wirksamkeit im Rahmen des Zulassungsverfahrens geprüft worden sei. Ein weiteres Ausschussmitglied greift nochmals die Frage nach einer Packungsgrößenbegrenzung auf und verweist in diesem Zusammenhang auf ein neueres Gerichtsurteil . Das Ausschussmitglied gibt zu bedenken, dass das Kombinationsarzneimittel erst kürzlich zugelassen worden sei und daher Langzeitdaten fehlten. Ein anderes Ausschussmitglied entgegnet, dass auch die Unbedenklichkeit im Rahmen des Zulassungsverfahrens geprüft werde.

Ein Ausschussmitglied teilt die geäußerten Bedenken und weist auf mögliche kardiovaskuläre Risiken hin. Zur Sicherheit der Kombination seien bisher nur Vermutungen auf Basis von anderen Kombinationsarzneimitteln angeführt worden. Daraufhin erwidert das BfArM, dass das Kombinationsarzneimittel lediglich für die Kurzzeitbehandlung zugelassen sei, kardiovaskuläre Risiken aber erst bei Langzeitanwendung zum Tragen kämen. Ein anderes Ausschussmitglied erläutert, dass das Arzneimittel in Deutschland derzeit nicht auf dem Markt sei. Erfahrungen könnten aber von anderen Arzneimitteln abgeleitet werden. Ein weiteres Ausschussmitglied teilt die Einschätzung, dass es sich um bekannte Substanzen handele. Im Rahmen der Diskussion wird darauf hingewiesen, dass das Kombinationsarzneimittel künftig vermutlich aufgrund fehlender Erstattung durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht verordnet werde, und somit auch keine entsprechenden Erfahrungen generiert werden könnten.

Ein Ausschussmitglied betont, dass für eine Entlassung aus der Verschreibungspflicht die Sicherheit das entscheidende Kriterium sei und nicht die Wirksamkeit. Für die Kombination lägen diesbezüglich keine Daten vor. Die Einzelsubstanzen könnten zwar als sicher angesehen werden, aber hieraus seien nicht automatisch Rückschlüsse für die Kombination möglich, sodass eine Grundlage für eine Empfehlung des Ausschusses fehle. Ohne entsprechende Datenlage könne damit eine Entlassung nicht befürwortet werden. Das BfArM erwidert, dass entsprechende Daten aus der Zulassung vorlägen. Zudem sei Coffein auch in Genussmitteln enthalten und werde vielfach angewendet, auch zusammen mit Arzneimitteln. Analogieschlüsse seien daher möglich. Im Anschluss bittet der Vorsitzende um Abstimmung über den Antrag.

Abstimmung:

Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt mehrheitlich, den Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht abzulehnen.

TOP 6 Ibuprofen

Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht
„- zur transdermalen Anwendung als Pflaster ohne Zusatz weiterer arzneilich wirksamer Bestandteile in einer Konzentration bis zu 200 mg Ibuprofen je abgeteilter Arzneiform -“

Das BfArM eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BfArM-Stellungnahme.

Ein Ausschussmitglied erachtet den Vorschlag, auch für das Pflaster die Formulierung „zum äußeren Gebrauch“ zu verwenden, für sinnvoll und wichtig. Da kein weiterer Diskussionsbedarf besteht, bittet der Vorsitzende um Abstimmung über den Antrag basierend auf dem vom BfArM vorgeschlagenen Wortlaut für die Ergänzung der AMVV.

Abstimmung:
Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt einstimmig, den Antrag auf Entlassung aus der Verschreibungspflicht nach § 48 AMG anzunehmen und die bestehende Position in Anlage 1 der AMVV wie folgt zu ändern:

„Ibuprofen

- ausgenommen zum äußeren Gebrauch (einschließlich Pflaster) in einer Konzentration bis zu 6 Gewichtsprozenten -
[…]“

Zu TOP 7 und 8

Der Vorsitzende erläutert einleitend, dass das BfArM sich vermehrten Anfragen im Zusammenhang mit Abgrenzungsfragen zu deutlich höher dosierten Nahrungsergänzungsmitteln im Vergleich zur verschreibungsfreien Tagesdosis bei Arzneimitteln für die genannten Wirkstoffe gegenüber sieht. Der Sachverständigen-Ausschuss wird daher gebeten zu prüfen, ob für diese Wirkstoffe die in der AMVV aufgeführten Grenzen zur Freistellung von der Verschreibungspflicht beibehalten werden sollen oder angehoben werden können.

TOP 7 Selen

Überprüfung der freigestellten Tagesdosis zum inneren Gebrauch

Das BfArM eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BfArM-Stellungnahme.

Ein Ausschussmitglied legt dar, dass die bislang rezeptfrei erhältliche Tagesdosis von 50 µg in Addition zum Selen aus der Nahrung die Verzehrempfehlung von 60 µg für Frauen und 70 µg für Männer erreiche und daher kein Bedarf für eine Erhöhung der freigestellten Tagesdosis gegeben sei. Das BfArM erläutert, dass eine Erhöhung der Grenze vor dem Hintergrund der aktuellen Verzehrempfehlungen sowie als Abgrenzung zu den Nahrungsergänzungsmitteln zu sehen sei. Ein weiteres Ausschussmitglied merkt an, dass die Probleme der Nahrungsergänzungsmittel hierdurch nicht gelöst würden, da selbst bei einer Freistellung der Tagesdosis von 100 µg weiterhin Nahrungsergänzungsmittel mit einer täglichen Dosis von 200 µg verfügbar seien. Der Vorsitzende führt aus, dass die Grenzwerte im Arzneimittelbereich sehr konservativ seien, die Problematik der Nahrungsergänzungsmittel aber nicht direkt adressiert werden könne.

Ein Ausschussmitglied regt an, die Diskussion zu den Nahrungsergänzungsmitteln nicht weiter zu vertiefen. Es führt weiter aus, dass die mittlere Selenzufuhr in Deutschland 30 bis 41 µg betrage. Da eine Substitution mit 50 µg daher bei den aktuellen Verzehrempfehlungen ausreiche, sei der vorliegende Antrag nicht verständlich. Ein kompletter Selenmangel, der mit einer Einnahme von täglich 100 µg substituiert werden müsse, gehöre aus seiner Sicht unter ärztliche Aufsicht. Das Ausschussmitglied erkundigt sich nach randomisierten Studien zur Selensubstitution. Die Schätzwerte zur Ernährung würden aus seiner Sicht nicht auf ausreichend validen Daten beruhen. Das BfArM führt an, dass die für bestimmte Lebensmittel zugelassenen „Health Claims“ von der EFSA geprüft worden seien, und dass daher wissenschaftliche Nachweise vorlägen, die als positiv bewertet worden seien. Ein anderes Ausschussmitglied erwidert, dass die Grenzwerte wissenschaftlich nicht gut belegt seien. Der Ausschuss solle lediglich Sicherheitsaspekte bewerten. Hier erscheine der NOAEL (No Observed Adverse Effect Level) von 850 µg Selen als sehr hoch angesetzt. Vor dem Hintergrund des Tagesbedarfs an Selen wird daher als Grenzwert für die freigestellte Tagesdosis 70 µg vorgeschlagen. Ein weiteres Ausschussmitglied merkt an, dass die Grenzwerte und die Empfehlungen der EFSA fundiert seien.

Das BfArM erläutert, dass die durchschnittliche Selenzufuhr über die Nahrung 30 µg (für Frauen) bzw. 41 µg (für Männer) betrage, hierbei aber Abweichungen beispielsweise für Vegetarier bzw. Veganer berücksichtigt werden müssten. Weiterhin betont das BfArM, dass die EFSA sehr wissenschaftlich arbeite. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das BMEL würden zudem an Grenzwerten für Nahrungsergänzungsmittel arbeiten.

Ein Ausschussmitglied ist der Ansicht, dass die Selenzufuhr über die Nahrung und die nichtverschreibungspflichtigen Arzneimittel (mit bis zu 50 µg Selen) ausreichend sei. Eine Freistellung von 100 µg Selen läge über dem täglichen Bedarf. Eine Begrenzung auf 70 µg – wie in der Diskussion bereits vorgeschlagen – sei daher sinnvoll. Ein weiteres Ausschussmitglied weist auf die Existenz von Nahrungsergänzungsmitteln mit 200 µg Selen hin. Da Aspekte der Ernährung nicht gelöst werden könnten, sei die zentrale Frage für den Ausschuss, ob 100 µg Selen pro Tag problematisch seien bzw. ob es Risiken gäbe. Das BfArM erwidert, dass sich für 100 µg Selen in den Periodischen Sicherheitsberichten keine Hinweise auf Risiken ergeben hätten. Ein anderes Ausschussmitglied entgegnet, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht in die Zuständigkeit des Ausschusses fallen würden. Bezüglich der Ernährungsempfehlungen sieht ein Ausschussmitglied die Notwendigkeit einer Abstimmung zwischen dem BfR und dem BMEL.

Ein Ausschussmitglied schlägt zwei Abstimmungen vor, zunächst über den Grenzwert von 70 µg Selen, dann über 100 µg. Ein anderes Ausschussmitglied führt aus, dass keine validen Daten für Schädigungen durch Selendosierungen bis zu 300 µg Selen vorlägen. Ein weiteres Ausschussmitglied gibt zu bedenken, dass man mit einer Erhöhung der freigestellten Selentagesdosis auch ein Signal setzen würde, mehr Selen einzunehmen als benötigt. Aus Sicht eines weiteren Ausschussmitgliedes solle der Fokus auf Arzneimitteln, welche die Indikation Selenmangel hätten, liegen. Aspekte der Ernährung sollten hingegen nicht durch den Ausschuss diskutiert werden. Bezüglich des aus Tierstudien abgeleiteten Grenzwertes NOAEL sei weiterhin zu berücksichtigen, dass dieser für den Menschen transponiert werden müsste. Ein Ausschussmitglied bekräftigt nochmals seine Position, dass kein Bedarf für die Freistellung einer höheren Tagesdosis von 100 µg erkennbar sei.

Vor dem Hintergrund der Diskussion bittet der Vorsitzende zunächst um eine erste Abstimmung über die Anhebung der freigestellten Tagesdosis auf 100 µg; diese wird vom Ausschuss mehrheitlich abgelehnt. Im Anschluss wird über den Grenzwert 70 µg abgestimmt.

Abstimmung:
Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt mehrheitlich, die freigestellte Tagesdosis für Selenverbindungen in Zubereitungen zum inneren Gebrauch auf 70 µg Selen anzuheben.

TOP 8 Colecalciferol

Überprüfung der freigestellten Tagesdosis zur Anwendung bei Menschen

Das BfArM eröffnet den TOP mit einer Zusammenfassung der BfArM-Stellungnahme.

Der Vorsitzende ergänzt, dass die grundsätzliche Problematik analog zu Selen zu sehen sei und die diesbezügliche Diskussion nicht nochmals wiederholt werden müsse.

Ein Ausschussmitglied verweist auf umfangreiche Diskussionen zu den empfohlenen Dosierungen für Vitamin D und möglichen Risiken, insbesondere bei höheren Dosen. Weiterhin wird angeführt, dass derzeit kein aktueller Grenzwert angegeben werden könne, bis zu dem keine schädlichen Effekte auftreten könnten. Ein anderes Ausschussmitglied erkundigt sich nach dem Hintergrund für den Antrag. Die Dosierung für die Prophylaxe mit Vitamin D sei bereits von der Verschreibungspflicht freigestellt. Hochrisikopatienten gehörten hingegen unter ärztliche Aufsicht. Das Ausschussmitglied fügt an, dass der Ausschuss nicht zu Nahrungsergänzungsmitteln Stellung nehmen könne. Das BfArM erwidert darauf, dass insbesondere hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel problematisch seien.

Ein Ausschussmitglied unterstützt die gemachten Äußerungen und sieht keine Notwendigkeit für eine Erhöhung der freigestellten Tagesdosis. Ein weiteres Ausschussmitglied erinnert daran, dass der Ausschuss bereits in der Vergangenheit eine Anhebung der freigestellten Dosis von Vitamin D beraten und diese abgelehnt habe . Das BfArM erläutert, dass die neuen Empfehlungen der EFSA Ausgangspunkt für die aktuelle Befassung des Ausschusses gewesen seien. Da kein weiterer Diskussionsbedarf besteht, bittet der Vorsitzende um Abstimmung.

Abstimmung
Der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht empfiehlt einstimmig, eine Anhebung der freigestellten Tagesdosis von Colecalciferol zur Anwendung bei Menschen abzulehnen.

TOP 10 Verschiedenes

Parenteralia

Das BfArM führt in die Thematik ein.

Ein Ausschussmitglied begrüßt eine Diskussion der Thematik im Ausschuss und sieht hier einen generellen Regelungsbedarf. Ein anderes Ausschussmitglied vertritt die Auffassung, dass die Aufnahme eines Stoffes in die AMVV das Vorgehen in der Apotheke erleichtere. In der AMVV seien mehrere Substanzen gelistet, für die keine Zulassungen existieren würden. Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker seien nicht der Ansicht, dass in der AMVV enthaltene Substanzen umfassend geprüft worden sein. Der Vorsitzende merkt an, dass in der AMVV nicht genannte Substanzen automatisch als nicht verschreibungspflichtig angesehen werden könnten, was problematisch sei, da die Liste nie allumfassend sein könne. In der weiteren Diskussion wird betont, dass Apothekerinnen und Apotheker Arzneimittelspezialisten seien und ein Blick in die AMVV nicht das Ende der Prüfung einer Verordnung einer Heilpraktikerin bzw. eines Heilpraktikers zu einer ihnen unbekannten Substanz sein könne. Vielmehr sei eine weitergehende Prüfung erforderlich.

Ein Ausschussmitglied hält die parenterale Verabreichung nicht per se für problematisch. Kritisch könne vielmehr der Stoff sein, der verabreicht würde. Daher sei eine Differenzierung bezüglich des Stoffes und seiner verschiedenen Darreichungsformen sinnvoll. Das Ausschussmitglied merkt weiterhin an, dass bei Anwendung einer unbekannten Substanz am Menschen in medizinischer Absicht diese Substanz zum Arzneimittel werde und damit verschreibungspflichtig sei. Ein anderes Ausschussmitglied unterstreicht, dass der Bestimmungszweck entscheidend für die Einstufung als Arzneimittel sei und verweist in diesem Zusammenhang auf entsprechende Regelungen bei Tierarzneimitteln. Für die Anwendung am Menschen sei eine Liste von Stoffen sinnvoll, die im Rahmen von Rezepturen als Arzneimittel angewendet werden können (Positivliste). Die Verschreibungspflicht hingegen sei hier ein ungeeignetes Instrument.

Ein anderes Ausschussmitglied verweist auf entsprechende Regelungen bezüglich des Ausschlusses bestimmter Darreichungsformen von der Freiverkäuflichkeit und fragt, ob dies nicht auch im Hinblick auf die Verschreibungspflicht möglich wäre. Der Vorsitzende erwidert, dass eine stoffbezogene Analyse erforderlich sei. Auf die Frage eines weiteren Ausschussmitgliedes stellt das BfArM die Frage in den Raum, ob nicht derjenige, der eine nicht zugelassene Substanz anwende, auch verpflichtet sein sollte, die entsprechende Unbedenklichkeit zu gewährleisten.

Ein Ausschussmitglied erläutert, dass eine Heilpraktikerin bzw. ein Heilpraktiker eine Anzeigepflicht gegenüber der zuständigen Gesundheitsbehörde habe, wenn in Eigenverantwortung Arzneimittel oder Stoffe zur parenteralen Anwendung hergestellt würden. Die Gesundheitsbehörde sei somit informiert und könne dies ggf. unterbinden. Aufgrund eines strafbaren Einzelfalls sei keine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen erforderlich. Eine pauschale Unterstellung von Parenteralia unter die Verschreibungspflicht sei nicht angezeigt.

Das BfArM wird gefragt, ob es unter den zugelassenen Arzneimitteln ggf. problematische Parenteralia gäbe, die derzeit nicht verschreibungspflichtig seien. Das BfArM antwortet, dass bisher keine entsprechenden Arzneimittel identifiziert worden seien; eine dahingehende Prüfung werde aber fortgesetzt. Sofern Regelungsbedarf bestehe, werde der Ausschuss informiert. Ein Ausschussmitglied merkt an, dass zugelassene Arzneimittel nicht das Problem seien, da im vorgestellten Fall ein nicht zugelassener Stoff wie das 3-Brompyruvat angewendet worden sei.

Ein anderes Ausschussmitglied ist der Ansicht, dass ungeprüfte Wirkstoffe ausschließlich im Rahmen klinischer Prüfungen angewendet werden sollten. Eine entsprechende Rezeptur dürfe nicht hergestellt werden. Eine Positivliste von Stoffen, die als Arzneimittel eingesetzt werden können, sei erforderlich. Der Sachverständigen-Ausschuss sei nicht das richtige Forum für eine diesbezügliche Diskussion. Ein Ausschussmitglied betont, dass zu Chemikalien bereits gesetzliche Regelungen vorlägen. Ein weiteres Ausschussmitglied weist noch einmal darauf hin, dass eine Änderung des AMG nicht der richtige Ansatzpunkt sei, wenn man Heilpraktikerinnen bzw. Heilpraktiker den Zugang zur parenteralen Darreichungsform nehmen wolle. Solche Dinge sollten wie bisher über die Berufsgesetzgebung und Berufsaufsicht geregelt werden.

Der Vorsitzende fasst zusammen, dass der Ausschuss eine generelle Unterstellung von Parenteralia unter die Verschreibungspflicht nicht befürworte.

Ein Ausschussmitglied weist auf eine aktuelle Publikation zum Thema Entlassung aus der Verschreibungspflicht hin.

Der Vorsitzende informiert über die Termine der 78. und der 79. Sitzung am 27. Juni 2017 bzw. 16. Januar 2018. Abschließend bedankt er sich für die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung der Sitzung und verabschiedet die Anwesenden.


Termin der 78. Sitzung:
27. Juni 2017 - 10 Uhr
BfArM, Bonn

Sitzungsort: BfArM, Kurt-Georg-Kiesinger-Allee 3, 53175 Bonn

Alternativ zur Online-Version können Sie hier die pdf-Version des Protokolls herunterladen:

Anlagen:

Anlage 1Präsentation zu TOP 3 BfArM
Anlage 2Präsentation zu TOP 4 BfArM
Anlage 3Präsentation zu TOP 5 BfArM
Anlage 4Präsentation zu TOP 6 BfArM
Anlage 5Präsentation zu TOP 7 BfArM
Anlage 6Präsentation zu TOP 8 BfArM
Anlage 7Präsentation zu TOP 9 BVL
Anlage 8Präsentation zu TOP 10 BfArM
Anlage 9Empfehlungen zur Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung (zu TOP 4, 6, 7 und 9)
Stand 21.03.2017